Innenseite des Sprunggelenks sind diagnostisch anspruchsvoll, weil hinter Brennen, Kribbeln oder Taubheit ganz unterschiedliche Ursachen stecken können. Beim Tarsaltunnel-Syndrom ist der Schienbeinnerv eingeengt, doch die passende Diagnose ergibt sich meist erst aus dem Zusammenspiel von Anamnese, Untersuchung und gezielten Zusatztests. Ich zeige hier, welche Schritte wirklich sinnvoll sind, wie man Provokationstests einordnet und wann Sonografie, MRT oder Nervenmessung echten Mehrwert bringen.
Die Diagnose steht auf Anamnese, Untersuchung und gezielten Zusatztests
- Ein einzelner Test reicht nicht - das Bild aus Beschwerden, Lokalisation und Untersuchung ist entscheidend.
- Tinel-Zeichen und Belastungstests liefern Hinweise, beweisen die Diagnose aber nicht allein.
- Sonografie und MRT helfen vor allem dann, wenn eine Raumforderung, Sehnenscheidenentzündung oder Fehlstellung vermutet wird.
- Nervenleitmessung und EMG können unterstützen, ein unauffälliger Befund schließt das Syndrom aber nicht sicher aus.
- Häufige Verwechslungen sind Plantarfasziitis, S1-Radikulopathie und Polyneuropathie.
Woran ich die Diagnose zuerst festmache
Ich beginne bei der Abklärung nicht mit einem Gerät, sondern mit dem Beschwerdebild. Typisch für das Tarsal-Tunnel-Syndrom sind brennende, elektrisierende oder kribbelnde Schmerzen an der Innenseite des Sprunggelenks, in der Fußsohle oder in den Zehen. Wenn die Beschwerden beim Gehen, langen Stehen oder nach Sport zunehmen und in Ruhe nur teilweise nachlassen, denke ich eher an eine Nervenkompression als an einen reinen Muskelschmerz.
Wichtig ist auch die Ausbreitung: Läuft das Missempfinden eher entlang der Fußsohle, spricht das stärker für eine Reizung des tibialen Nervs oder seiner Äste. Ist die Schmerzstelle dagegen sehr punktuell am Fersenbein oder in der Plantarfaszie, verschiebt sich mein Verdacht in eine andere Richtung. Genau an dieser Stelle ist die Anamnese wertvoller als jeder Schnelltest, weil sie mir sagt, ob ich überhaupt im Tarsaltunnel suchen muss.
Lesen Sie auch: Schmerzen im Sprunggelenk - wann Entlastung reicht und wann zum Arzt
Typische Hinweise aus der Anamnese
Ich frage gezielt nach Vorverletzungen, Überlastung, plötzlicher Zunahme der Lauf- oder Stehbelastung, Fußfehlstellungen und bekannten Grunderkrankungen wie Diabetes oder Rheuma. Auch ein Spreiz- oder Senkfuß ist relevant, weil er die Mechanik am Innenknöchel verändert und den Tunnel zusätzlich unter Druck setzen kann. Wenn die Beschwerden erst nach neuer Einlage, verändertem Schuhwerk oder einem Umknicktrauma aufgetreten sind, liefert das oft mehr Richtung als ein isolierter Provokationstest.
Aus diesen Informationen ergibt sich die eigentliche Untersuchung am Fuß und Sprunggelenk, und genau dort wird es meistens konkret.

So läuft die Untersuchung am Fuß und Sprunggelenk ab
Ich schaue mir zuerst die Statik an: Ist das Fußgewölbe abgeflacht, kippt die Ferse nach innen oder gibt es sichtbare Schwellungen am Innenknöchel? Solche Befunde bedeuten nicht automatisch ein Tarsal-Tunnel-Syndrom, sie erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit für eine mechanische Reizung des Nerven. Danach taste ich den Verlauf des Tunnels genau ab, weil Druckschmerz direkt hinter dem Innenknöchel ein wichtiger Baustein ist.
- Inspektion - Fußform, Fehlstellung, Schwellung, Narben und mögliche Hinweise auf Überlastung.
- Palpation - Druckschmerz am Tarsalkanal, an Sehnen und an der Region hinter dem Innenknöchel.
- Sensibilität - Berührung, Schmerz und manchmal leichte Temperaturreize an Fußsohle und Zehen.
- Funktion - Gangbild, Belastbarkeit, Zehenstand und Einfluss bestimmter Fußstellungen.
Ich finde diese Reihenfolge praktisch, weil sie das Problem nicht auf einen einzigen Moment reduziert. Ein Tarsal-Tunnel-Syndrom ist oft positions- und belastungsabhängig, deshalb muss ich den Fuß nicht nur in Ruhe, sondern auch unter Provokation bewerten. Daraus ergeben sich die Spezialtests, die ich als Nächstes einsetze.
Welche Provokationstests Hinweise liefern und welche nicht
Provokationstests sind sinnvoll, wenn die Klinik bereits in die Richtung einer Nervenengpasssituation zeigt. Ich nutze sie nicht als Beweis, sondern als Verstärker: Wenn ein Test die typischen Beschwerden reproduziert, steigt die Wahrscheinlichkeit für das Syndrom. Wenn er negativ ist, ist das hilfreich, aber keine sichere Entwarnung.
| Test | Was ich damit prüfe | Wofür ein positiver Befund spricht | Grenze des Tests |
|---|---|---|---|
| Tinel-Zeichen | Leichtes Beklopfen hinter dem Innenknöchel | Reizung oder Überempfindlichkeit des Schienbeinnervs | Positiv auch bei anderer Nervenreizung möglich, negativ schließt nicht aus |
| Dorsalflexions-Eversions-Test | Fuß in Dorsalextension und Eversion bringen | Reproduktion von Kribbeln, Brennen oder Druckschmerz | Hilfreich, aber nicht allein beweisend |
| Triple-Compression-Stress-Test | Druck auf den Tunnel kombiniert mit belastender Fußstellung | Belastungsabhängige Nervenreizung | Technik und Aussagekraft sind je nach Untersucher unterschiedlich |
| Gezielte Sensibilitätsprüfung | Berührung und Schmerzempfinden in der Fußsohle | Hinweis auf betroffenes Nervenversorgungsgebiet | Fehlbefund bei milden oder intermittierenden Verläufen möglich |
Ich halte besonders das Tinel-Zeichen für nützlich, wenn es exakt die typischen Beschwerden auslöst und nicht nur ein vages Druckgefühl. Der Dorsalflexions-Eversions-Test ist dann wertvoll, wenn er dieselbe Beschwerde unter Belastung provoziert. Entscheidend ist die Übereinstimmung mit dem klinischen Bild, nicht ein einzelner positiver Moment. Genau deshalb kommen bei unklaren Fällen die bildgebenden Verfahren ins Spiel.
Wann Bildgebung und Nervenmessung wirklich weiterhelfen
Wenn ich den Verdacht habe, dass im Tunnel etwas Platz wegnimmt oder die Diagnose sonst unscharf bleibt, veranlasse ich gezielt weitere Untersuchungen. Dabei ist mir wichtig: Nicht jeder Patient braucht sofort ein MRT, und nicht jede Nervenmessung beantwortet die entscheidende Frage. Die Methode muss zur Fragestellung passen.
| Methode | Wofür sie nützlich ist | Stärke | Grenze |
|---|---|---|---|
| Röntgen | Knochenstellung, Arthrose, Fraktur, Fehlstellung im Stand | Schnell und gut für die knöcherne Basis | Zeigt den Nerv selbst nicht |
| Sonografie | Ganglion, Sehnenscheidenentzündung, Varizen, lokale Schwellung | Weichteile dynamisch und ohne Strahlenbelastung darstellbar | Abhängig von Erfahrung und Schallfenster |
| MRT | Raumforderungen, Weichteilkonflikte, Ödem, komplexe Ursachen | Sehr gut für Nervenumgebung und Weichteile | Nicht jede funktionelle Reizung ist sichtbar |
| Nervenleitmessung und EMG | Nervenfunktion und mögliche Begleitneuropathien | Hilft bei der Einordnung und beim Ausschluss anderer Nervenprobleme | Kann trotz echter Beschwerden unauffällig sein |
Gerade bei einer mechanischen Einengung kann eine Messung normal ausfallen, wenn die Kompression nur unter Belastung oder nur zeitweise auftritt. Deshalb bewerte ich ein unauffälliges EMG nicht als endgültiges Nein. Umgekehrt wird ein auffälliger Befund erst dann wirklich wertvoll, wenn er zu den Beschwerden passt und ich damit eine Ursache wie Ganglion, Entzündung oder Fehlstellung finde. Das führt direkt zur nächsten Frage: Was kann mit dem Tarsal-Tunnel-Syndrom überhaupt verwechselt werden?
Welche Beschwerden leicht verwechselt werden
Die Praxis zeigt: Nicht jeder brennende Fußschmerz ist ein Tarsal-Tunnel-Syndrom. Ich denke immer an andere Ursachen mit, besonders wenn die Beschwerden nicht sauber dem Verlauf des tibialen Nervs folgen oder wenn sie beidseitig auftreten. Das verhindert unnötige Fehldiagnosen und spart dem Patienten oft Zeit.
| Andere Ursache | Typischer Hinweis | Warum die Verwechslung häufig ist |
|---|---|---|
| Plantarfasziitis | Anlaufschmerz in der Ferse, oft morgens stärker | Schmerz in der Fußsohle kann ähnlich wirken, ist aber meist weniger nervenartig |
| S1-Radikulopathie | Rücken- oder Gesäßbeschwerden mit Ausstrahlung ins Bein | Kann Kribbeln und Brennen in Fuß und Unterschenkel auslösen |
| Diabetische Polyneuropathie | Oft beidseitig, eher sockenförmig verteilt | Passt bei unscharfen, bilateralen Missempfindungen besser als eine lokale Engstelle |
| Posterior-tibiale-Sehnenproblematik | Mediale Knöchelschmerzen mit Fußgewölbeabsenkung | Mechanische Beschwerden an derselben Region können den Nerv mitreizen |
| Stressfraktur oder Arthrose | Punktueller Belastungsschmerz, manchmal Schwellung | Schmerzen rund um Fuß und Sprunggelenk werden schnell als Nervenproblem fehlgedeutet |
Ich prüfe deshalb immer, ob die Beschwerden eher neural, eher mechanisch oder eher entzündlich wirken. Dieser Unterschied ist wichtig, weil davon abhängt, ob Einlagen, Entlastung, Physio, Bildgebung oder eine weitergehende neurologische Abklärung sinnvoll sind. Erst daraus wird klar, wie belastbar der Befund wirklich ist.
Was ein sicherer Befund für den nächsten Schritt bedeutet
Wenn die Diagnose steht, ist sie kein Etikett, sondern eine Arbeitsgrundlage. Bei einem echten Tarsal-Tunnel-Syndrom suche ich immer nach dem Auslöser: Fehlstellung, Überlastung, Sehnenreizung, Ganglion, Varizen oder eine andere Raumforderung. Je besser der Auslöser verstanden ist, desto gezielter lässt sich behandeln - und desto realistischer ist auch die Prognose.
Für den nächsten Termin ist es aus meiner Sicht hilfreich, wenn Sie drei Dinge vorbereitet haben: den genauen Verlauf der Beschwerden, die Auslöser im Alltag und vorhandene Vorbefunde. Besonders wichtig sind Angaben zu Diabetes, Rheuma, früheren Sprunggelenksverletzungen und zu Schuhen oder Einlagen, die die Symptome verändern. Wenn Taubheit zunimmt, Kraft nachlässt oder der Fuß unter Belastung deutlich unsicher wird, sollte die Abklärung nicht aufgeschoben werden. So wird aus einem vagen Fußproblem ein sauber eingegrenzter Befund, und genau dort beginnt die wirklich passende Behandlung.